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Wenn wir heute über vergessene Orte sprechen, dann führt uns unser Weg in den Südharz, in eine Landschaft, die von Wäldern, Bächen und sanften Höhenzügen geprägt ist. Dort, unweit der Ortschaft Wippra, liegt eine Wüstung mit dem Namen Brumbach. Eine Wüstung – das klingt nach Leere, nach Verfall, nach etwas, das einmal war und nun nicht mehr ist. Doch gerade in dieser Leere liegt eine besondere Dichte an Geschichte. Brumbach ist kein Ort, den man auf modernen Straßenschildern findet, kein Dorf mit Kirchturm und Marktplatz, sondern ein Platz im Gelände, eine Erinnerung im Boden, ein Kapitel regionaler Geschichte, das vor Jahrhunderten abgeschlossen wurde und dennoch bis heute nachwirkt.
Brumbach liegt etwa vier Kilometer nördlich von Grillenberg, im Bereich der sogenannten Pferdeköpfe, einer bewaldeten Erhebung im Südharz. Wer heute dorthin wandert, bewegt sich durch eine ruhige, waldreiche Gegend. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass hier einst Menschen lebten, Felder bestellten, Häuser errichteten, vielleicht Kinder großzogen, Streitigkeiten austrugen, Feste feierten und ihre Toten begruben. Und doch war hier spätestens im frühen Mittelalter eine Siedlung vorhanden, deren Name uns in verschiedenen Schreibweisen überliefert ist: Brunbach, Brunbeke, Branbeke – Varianten, die uns nicht nur etwas über Lautverschiebungen und Schreibgewohnheiten verraten, sondern auch über die enge Verbindung zwischen Ort und Landschaft.
Der Name Brumbach verweist mit großer Wahrscheinlichkeit auf einen Bach, der durch die Gegend fließt. Tatsächlich durchzieht der Brumbach die nahegelegenen Brumbachswiesen. In vielen mittelalterlichen Siedlungsnamen findet sich das Element „-bach“ oder „-beke“, das auf ein fließendes Gewässer hinweist. Wasser war Lebensgrundlage, Orientierungspunkt und Namensgeber zugleich. Wenn wir uns vorstellen, wie die ersten Siedler diesen Ort auswählten, dann dürfte der Bach eine zentrale Rolle gespielt haben: als Trinkwasserquelle, als Viehtränke, vielleicht als Antrieb für einfache Mühlen, ganz sicher aber als verlässlicher Begleiter durch die Jahreszeiten.
Bemerkenswert ist, dass der Ort bereits vor dem Jahr 900 als Brunbach bestanden haben soll. Der Name lässt sich sogar bis mindestens ins 8. Jahrhundert nachweisen. Das bedeutet, dass wir es hier mit einer Siedlung zu tun haben, deren Ursprünge tief in die frühmittelalterliche Geschichte zurückreichen. In einer Zeit also, in der sich politische Strukturen neu ordneten, in der das ostfränkische Reich entstand, in der Christianisierung, Grundherrschaft und der Ausbau ländlicher Siedlungen die Landschaft prägten. Brumbach war Teil dieser Entwicklung. Vielleicht war es eine kleine Rodungssiedlung, gegründet in einer Phase intensiver Landerschließung, als Wälder zurückgedrängt und neue Ackerflächen geschaffen wurden.
Aus dem Jahr 1400 existieren urkundliche Belege, in denen der Ort als Brunbeke bezeichnet wird. Solche Erwähnungen sind oft nüchtern, eingebettet in Abgabenlisten, Besitzverzeichnisse oder Rechtsstreitigkeiten. Und doch sind sie für uns von unschätzbarem Wert. Sie sind wie kleine Fenster in eine vergangene Welt. Sie zeigen uns, dass Brumbach um 1400 noch existierte, dass es in Verwaltungszusammenhängen auftauchte, dass Menschen dort lebten, wirtschafteten und in übergeordnete Strukturen eingebunden waren.
Spätestens 1430 jedoch fiel der Ort wüst. Dieses Wort – wüst – ist im historischen Kontext ein Fachbegriff. Es bedeutet nicht zwangsläufig, dass alles zerstört oder niedergebrannt wurde. Vielmehr bezeichnet es die Aufgabe einer Siedlung. Die Gründe dafür können vielfältig sein: wirtschaftliche Schwierigkeiten, ungünstige klimatische Bedingungen, Seuchen, kriegerische Auseinandersetzungen, Veränderungen von Handelswegen oder auch die Konzentration von Bevölkerung in größeren, besser geschützten Orten. Das 14. und 15. Jahrhundert waren in Mitteleuropa von tiefgreifenden Krisen geprägt. Die Pestwellen seit 1348 dezimierten die Bevölkerung erheblich. Möglicherweise trafen solche Entwicklungen auch Brumbach. Vielleicht wurde der Ort allmählich verlassen, vielleicht zogen die letzten Bewohner in nahegelegene Dörfer, vielleicht verfielen die Häuser nach und nach, bis nur noch Grundmauern und eingeebnete Flächen blieben.
Etwas nördlich der eigentlichen Wüstung liegt heute noch das Forsthaus Brumbach, das im Tal zu finden ist. Dieses Forsthaus ist ein greifbarer Bezugspunkt in der Landschaft, ein Ort, der den alten Namen bewahrt und zugleich eine neue Funktion verkörpert. Während das mittelalterliche Dorf verschwand, blieb der Name im Gedächtnis der Region lebendig.
Wenn wir durch die Brumbachswiesen gehen, begleitet vom leisen Fließen des Baches, dann bewegen wir uns über historischen Boden. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass im Bereich der Wüstung entsprechend den Ergebnissen einer Flurbegehung bewusst auf eine Melioration verzichtet wurde. Melioration – das bedeutet Bodenverbesserung, Entwässerung, Umgestaltung landwirtschaftlicher Flächen zur Ertragssteigerung. Dass man hier darauf verzichtete, ist ein Hinweis auf den Denkmalwert des Areals. Man wollte die im Boden verborgenen Spuren nicht zerstören. Jede tiefe Pflugfurche, jede bauliche Veränderung könnte archäologische Befunde unwiederbringlich vernichten.
Brumbach ist im örtlichen Denkmalverzeichnis als Bodendenkmal eingetragen. Das bedeutet, dass die Überreste der Siedlung – Fundamentreste, Keramikfragmente, vielleicht Spuren von Grubenhäusern oder Öfen – unter Schutz stehen. Bodendenkmale sind stille Archive. Sie erzählen ihre Geschichte nicht laut, nicht spektakulär, sondern in Schichten, in Verfärbungen des Erdreichs, in unscheinbaren Artefakten. Archäologen lesen diese Zeichen wie Historiker alte Urkunden lesen. Sie rekonstruieren Grundrisse, analysieren Funde, datieren Schichten und versuchen, aus fragmentarischen Hinweisen ein Gesamtbild zu gewinnen.
Ein Vergleich bietet sich mit der benachbarten Wüstung Hohenrode an, die in den 1930er Jahren archäologisch untersucht wurde. Diese Untersuchungen gaben Einblicke in die Struktur einer mittelalterlichen Siedlung in der Region. Man fand Hausgrundrisse, Hinweise auf Wirtschaftsgebäude, möglicherweise auch Spuren einer kleinen Kirche oder Kapelle. Solche Grabungen sind wie Momentaufnahmen. Sie zeigen, wie eng die Gebäude beieinanderstanden, wie die Parzellen angeordnet waren, wie groß die Höfe waren. Auch wenn Brumbach selbst bislang nicht in gleichem Umfang archäologisch erforscht wurde, können die Ergebnisse aus Hohenrode als Vergleichsmaßstab dienen. Sie helfen, sich vorzustellen, wie auch Brumbach ausgesehen haben könnte.
Wenn wir uns gedanklich in das frühe Mittelalter zurückversetzen, dann sehen wir vielleicht eine kleine Ansammlung von Holzhäusern mit Flechtwerkwänden und Lehmverputz, gedeckt mit Stroh oder Schindeln. Dazwischen schmale Wege, Gärten, vielleicht ein kleiner Dorfanger. Rauch steigt aus den Feuerstellen auf. Vieh wird auf die Weiden getrieben, Kinder spielen am Bachufer. Das Leben war hart, von den Jahreszeiten bestimmt, von Ernteerträgen abhängig. Und doch war es ein Leben in Gemeinschaft, eingebunden in eine soziale Ordnung, in Abhängigkeiten von Grundherren, in kirchliche Strukturen.
Der lange Nachweis des Ortsnamens bis ins 8. Jahrhundert wirft auch die Frage auf, ob es hier möglicherweise eine noch ältere, vielleicht sogar vorfränkische Siedlungstradition gab. Ortsnamen sind oft konservative Elemente. Sie überdauern politische Umbrüche und Herrschaftswechsel. Der Wandel von Brunbach über Brunbeke zu Branbeke zeigt sprachliche Anpassungen, vielleicht beeinflusst durch unterschiedliche Schreibweisen in lateinischen Urkunden oder durch regionale Dialekte. Doch der Kern – der Bezug zum Bach – bleibt erhalten.
Die Aufgabe des Ortes spätestens um 1430 markiert keinen abrupten Schlussstrich, sondern eher einen Übergang. Die Flächen wurden möglicherweise weiterhin landwirtschaftlich genutzt, vielleicht von Bewohnern benachbarter Dörfer. Der Name blieb im kollektiven Gedächtnis. Später entstand das Forsthaus, das den alten Namen weitertrug. So überlagerte sich die Geschichte: das mittelalterliche Dorf, die wüst gefallene Siedlung, die forstwirtschaftliche Nutzung, der heutige Denkmalstatus.
Wenn wir heute über Wüstungen sprechen, dann geht es nicht nur um einzelne Orte, sondern um ein ganzes Phänomen mittelalterlicher Siedlungsgeschichte. In vielen Regionen Mitteldeutschlands kam es zwischen dem 14. und 15. Jahrhundert zu sogenannten Wüstungsperioden. Hunderte Dörfer wurden aufgegeben. Manche verschwanden vollständig aus dem Gedächtnis, andere hinterließen Flurnamen, die bis heute in Karten verzeichnet sind. Brumbach gehört zu jenen Orten, deren Name und Lage noch bekannt sind, auch wenn das Dorf selbst nicht mehr existiert.
Es ist faszinierend, dass die Landschaft selbst zum Geschichtsbuch wird. Die Brumbachswiesen, der Bachlauf, die Lage im Bereich der Pferdeköpfe – all das sind Konstanten, die sich über Jahrhunderte kaum verändert haben. Die Menschen jedoch kamen und gingen. Sie gründeten, bauten, verließen. Vielleicht waren es nur wenige Generationen, die in Brumbach lebten. Vielleicht aber bestand das Dorf über mehrere Jahrhunderte hinweg, vom frühen Mittelalter bis ins Spätmittelalter. In dieser langen Zeitspanne erlebte es politische Veränderungen, möglicherweise den Übergang von slawisch geprägten Siedlungsstrukturen hin zu stärker fränkisch-deutschen Herrschaftsformen, kirchliche Organisation, Abgabepflichten, vielleicht sogar kleinere Konflikte oder Fehden.
Die Tatsache, dass im Bereich der Wüstung bewusst auf Meliorationsmaßnahmen verzichtet wurde, zeigt auch ein modernes Bewusstsein für den Wert solcher Orte. Während in anderen Gegenden historische Spuren durch intensive Landwirtschaft oder Bautätigkeit zerstört wurden, hat man hier offenbar erkannt, dass der Boden selbst ein schützenswertes Archiv ist. Jede Bodenverfärbung, jede Keramikscherbe kann Hinweise liefern auf Handelskontakte, auf Ernährungsgewohnheiten, auf soziale Unterschiede innerhalb der Siedlung.
Man könnte sich fragen, was es bedeutet, dass ein Ort wüst fällt. Bedeutet es Scheitern? Bedeutet es Niedergang? Oder ist es einfach Teil eines größeren historischen Prozesses? Vielleicht ist es letzteres. Geschichte ist kein geradliniger Fortschritt, sondern ein Geflecht aus Aufbrüchen und Rückzügen, aus Gründungen und Aufgaben. Brumbach steht stellvertretend für viele kleine Orte, die einst Teil eines dichten Siedlungsnetzes waren und heute nur noch als Name in Archiven oder als leichte Geländeerhebung im Wald existieren.
Wenn wir heute dort stehen, hören wir vielleicht den Wind in den Bäumen, das Plätschern des Baches, das Rascheln von Laub. Wir sehen keine Mauern mehr, keine Dächer, keine Felder in mittelalterlicher Dreifelderwirtschaft. Und doch ist die Geschichte präsent. Sie ist nicht spektakulär, nicht monumental, aber sie ist tief verwurzelt. Brumbach erinnert uns daran, dass auch kleine Orte Teil großer Zusammenhänge sind. Dass Geschichte nicht nur in Städten, Burgen und Klöstern geschrieben wurde, sondern auch in unscheinbaren Dörfern im Wald.
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Faszination solcher Wüstungen. Sie laden ein zur Vorstellung, zur Rekonstruktion im Geist. Sie fordern uns auf, genauer hinzusehen, die Landschaft zu lesen, Fragen zu stellen. Wer waren die Menschen von Brumbach? Wie sah ihr Alltag aus? Warum gingen sie fort? Was nahmen sie mit, was ließen sie zurück? Wir werden nicht auf alle diese Fragen eine Antwort finden. Doch jede Spur im Boden, jede urkundliche Erwähnung, jeder erhaltene Flurname bringt uns ein Stück näher an jene längst vergangene Welt heran.
So bleibt Brumbach mehr als nur ein Punkt auf einer historischen Karte. Es ist ein Symbol für Wandel, für Vergänglichkeit, aber auch für Kontinuität im Wandel der Zeit. Der Bach fließt noch immer durch die Wiesen, der Name lebt im Forsthaus weiter, und im Boden ruhen die Überreste eines Dorfes, das über Jahrhunderte Teil der Geschichte des Südharzes war. Und vielleicht ist es gerade diese stille, unscheinbare Präsenz, die uns lehrt, wie eng Landschaft und Geschichte miteinander verwoben sind, wie sehr Orte Identität stiften – selbst dann, wenn sie längst verschwunden sind.
Geschrieben von: Stadtradio Sangerhausen
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